Hund im Konflikt – mit diesen vier Optionen kann dein Hund auf Bedrohungen reagieren

Gastbeitrag von Sarah von bothshunde.com

Nicht ganz entspannte Begegnung von zwei steifbeinigen Hunden in einem Garten im Hintergrund eine Terrasse mit Stühlen
Hunde haben verschiedene Möglichkeiten in Konfliktsituationen zu reagieren.

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Bedrohliche Situationen erleben unsere Hunde ständig. Egal, ob mit uns oder mit Artgenossen, Konflikte gibt es täglich. Manchmal sind sie eher klein, wie beispielsweise „Mein Mensch ist angespannt und schaut mich frontal an, sagt aber, ich soll zu ihm kommen“. In anderen Momenten gilt es, Lösungen für größere Herausforderungen zu finden, beispielsweise, wenn du mit deinem angeleinten Hund eng an einem anderen vorbeigehst, der deinen Hund fixiert.

Unsere Hunde haben grundsätzlich 4 Strategien, mit denen sie solche Konfliktsituationen lösen können. Diese stelle ich dir in diesem Beitrag vor.

Vier Strategien, um Konflikten zu begegnen

Die vier Konfliktlösungsstrategien werden im Fachjargon auch als die „4 F’s“ bezeichnet, denn in der englischen Bezeichnung fängt jede der Strategien mit einem „F“ an:

Freeze (Einfrieren)

Flirt (Spielaufforderung) /Fiddle (Übersprungshandlung)

Flight (Flucht)

Fight (Drohen/Kampf)

Was die vier bedeuten, dazu gleich mehr. Zunächst noch der Hinweis: Auf welche dieser Strategie dein Hund zurückgreift, das hängt von vielen Faktoren ab. Vor allem von seinen Erfahrungen. So kann es sein, dass ein Hund eher dazu tendiert den Kampf anzutreten und ein anderer am liebsten die Flucht ergreift. Ein dritter macht einfach gar nichts mehr. Durch Training ist es jedoch möglich, dem Hund auch die anderen Optionen wieder näherzubringen und ihm so ein breiteres Handlungspektrum zu ermöglichen.

Ein Hund zieht an seiner Leine, so dass er mit den Vorderpfoten vom Boden abhebt
Auch wenn Dein Hund bisher „Angriff ist die beste Verteidigung“ als Strategie hatte, kannst du ihm die anderen 3 F wieder ins Gedächtnis rufen.

Natürlich entscheidet auch die Situation, die Tagesform, die Prägung, die Mensch-Hund-Beziehung und das bedrohliche Gegenüber über die Wahl der Strategie.

Wer viele Optionen kennt, hat es leichter, die passende Lösung zu finden.

(Bothshunde)

Freeze – Den Anker werfen

Freeze – zu deutsch Einfrieren oder Erstarren – das beobachtet man häufiger in Begegnungssituationen zwischen Hunden und Menschen oder auch unter Hunden. Meist dauert dieser Zustand nicht lange und geht dann in eine andere Haltung über. Manchmal bleibt der Hund auch solange stehen, bis die Situation vorbei ist.

Ein Hund liegt wie eingefroren ganz platt auf dem Boden.
Einfrieren kann Dein Hund im Stehen, Sitzen oder auch im Liegen.

Häufig beobachte ich solche Handlungen zu Beginn des Trainings mit neuen Kunden.
Die Menschen schildern mir ihr Problem, z.B.: Der Hund kommt nicht, wenn ich ihn rufe. Ich lasse mir einmal zeigen, wie das abläuft und bitte den Menschen, seinen Hund zu sich zu rufen. Der Mensch ruft im strengen Ton und hat eine sehr angespannte Körperhaltung. Der Hund guckt seinen Menschen an und nähert sich langsam im Bogen an. „Komm her, hab ich gesagt!“ sagt der Mensch und schwupp bleibt der Hund wie angewurzelt stehen. „Siehst du, so ist das immer. Er hat einfach keine Lust herzukommen.“ , sagt der Mensch.

Was passiert da wirklich?

Durch die Körpersprache und die ganze angespannte Energie, mit der der Mensch seinen Hund ruft, signalisiert er seinem Hund nonverbal „bleib bloß weg, in meiner Nähe wird es ungemütlich“. Die Sprache vermittelt jedoch das „komm zu mir“. Der Hund befindet sich dadurch in einem Konflikt. Er weiß, dass er gerufen wurde und zu seinem Menschen gehen soll. Aus Hundesicht wäre es jedoch absolut unhöflich und fatal einem anderen Hund, der offensichtlich auch noch mies drauf ist, frontal entgegen zu laufen.
Also läuft der Hund in langsamen Tempo, um den Menschen nicht zu verärgern, einen Bogen. Aus Hundesicht für so eine Situation absolut sinnvoll um den Konflikt zu vermeiden. Daraufhin bekommt er noch mehr nonverbales „Bleib weg!“ und ein drohendes „Komm her, hab ich gesagt“ als Stimmsignal. Der Konflikt in dem sich der Hund nun befindet, ist für ihn so nicht mehr zu lösen. Er weiß nicht, was er tun soll und bleibt daher erst einmal stehen, oder tut etwas das scheinbar gar nichts mit der Situation zu tun hat.

Womit wir schon bei der zweiten Möglichkeit, der Übersprungshandlung, sind.

Ein Hund schnüffelt am Wegesrand
Schnüffeln ist eine mögliche Übersprungshandlung, die Dein Hund auch zeigen kann, wenn Du meinst „Komm her“ aber Dein Hund versteht „bleib lieber weg“

Fiddle – „ahhhh ich weiß nicht was ich tun soll, dann mach ich jetzt mal was anderes“

Solche Übersprungshandlungen gibt es viele und oftmals können diese auch gleichzeitig als Beschwichtigungssignal gesehen werden.

Eine Übersprungshandlung kann zum Beispiel sein: sich kratzen, die eigene Rute jagen, sich im Kreis drehen, niesen, sich schütteln, buddeln und viele mehr. Meiner Erfahrung nach haben Hunde auch hier ihre Präferenzen. Der eine kratzt sich, wenn er nicht mehr weiter weiß und der nächste dreht sich im Kreis. Natürlich ist nicht jedes Mal, wenn dein Hund sich kratzt eine Übersprungshandlung damit angezeigt. Ist dein Hund aber gerade in Konflikten involviert, dann könnte das eine seiner Strategien sein, um eine Lösung zu finden.

Fiddle und Flirt werden in der Literatur meist zusammengezählt, daher machen wir mit Flirt direkt weiter.

Flirt – die weiße Fahne und ein Blumenstrauß zur Versöhnung

In diese Kategorie der hündischen Konfliktlösung gehört alles, was ich mit „freundliche Annäherung“ beschreiben möchte. Von der Spielaufforderung bis hin zu unterwürfiger Annäherung ist hier alles drin, was der Hund tut, um im Konflikt die freundliche Lösung zu schaffen.

Links im Bild angeschnitten eine Frau, die einen schwarzen auf dem Rücken vor ihr liegenden Hund streichelt davor ein junger Hund in Oberkörpertiefstellung
Diese „Spielaufforderung“ ist eher aus einem Konflikt heraus entstanden als eine echte entspannte „Komm spiel mit mir“-Aufforderung. Auch der liegende Hund zeigt Konfliktanzeichen.

Die Spielaufforderung beobachten wir Menschen häufig, wenn fremde Hunde aufeinander treffen. Und Menschen freuen sich dann, wie schön die Hunde miteinander spielen.
Häufiger ist es jedoch nur ein Scheinspiel, um eine vorangegangene Anspannung friedlich zu lösen ohne Aggressivität zu provozieren. Derjenige, der das vermeintliche Spiel angefangen hat, bleibt dann meist in der Rolle des Hasen und läuft im Rennspiel vorne. Für beide (oder mehr) beteiligten Hunde bedeutet diese Situation keineswegs entspanntes Spiel und mordsmäßig Spaß am Rennen, sondern vielmehr Stress.
Jedoch ist das für die Hunde immer noch die bevorzugte Lösung, denn so ist eine friedliche Lösung des Konflikts möglich.

Als Mensch sollte ich hier einen genauen Blick darauf haben, wie es meinem Hund gerade geht. Ist kein Ende in Sicht und das „Spiel“ geht immer weiter, dann beende ich das und hole meinen Hund heraus.
Im Optimalfall löse ich mit meinem Hund gemeinsam Konflikte sowieso schon, bevor er in Bedrängnis kommt, es selbst zu tun. Wenn es dann doch mal so passiert, bin ich dennoch wachsam dabei, um bei Bedarf einzugreifen.

Denn wie ich anfangs bereits erwähnt habe, können die vier Möglichkeiten fließend ineinander übergehen. Insbesondere im wilden Spiel ist die Gefahr groß, dass die Spannung dennoch bestehen bleibt und in aggressives Verhalten überkippt.

Ein Hund liegt rechts auf einer Wiese und schaut auf eine links stehende Hündin, die demonstrativ den Kopf wegdreht
Bei entspanntem Spiel bringen die Hunde selber Pausen ein und zeigen deeskalierendes Verhalten.

Flucht – „ich bin dann mal weg“

Eine der offensichtlicheren Optionen zur Konfliktlösung ist die Flucht. Ist nicht absehbar, dass die Situation friedlich gelöst werden kann, dann ist die sicherste Möglichkeit, ihr aus dem Weg zu gehen.

Flucht bedeutet hier nicht immer im vollen Tempo zu verschwinden, sonder schlichtweg einen Weg zu finden, dem Konflikt aus dem Weg zu gehen. Die Konfrontation soll um jeden Preis vermieden werden. Auch wenn ein unsicherer Hund zu Hause unter dem Sofa verschwindet, sobald der Staubsauger in Sicht kommt, gehört das zum Fluchtverhalten.

Fluchtverhalten ist insbesondere bei Hunden aus dem Ausland immer wieder verstärkt zu beobachten. Wenn ein Hund mit vier Jahren von seinem ruhigen Leben ohne Menschen plötzlich in eine deutsche Stadt ziehen soll, gerät er ständig in Konflikte mit seiner Umwelt. Meistens versuchen die Hunde dann dem Problem aus dem Weg zu gehen.

Ist es nicht möglich, der Bedrohung aus dem Weg zu gehen, bleibt aus Sicht der Hunde nur noch eine Option übrig:

Fight – die Flucht nach Vorne

Fühlt sich ein Hund so bedroht, dass er sich verteidigen muss und keine der vorangegangen Optionen möglich ist oder keine eine Wirkung gezeigt hat, so bleibt nur noch der Angriff. Das bedeutet nicht, dass der Hund sich dann sofort mit gefletschten Zähnen auf seinen Gegenüber stürzt. Die Leiter der Aggression geht auch hier Stufe für Stufe nach oben, wie du in diesem Beitrag zu den Eskalationsstufen beim Hund nachlesen kannst. Zunächst wird gedroht und erst wenn das ohne Wirkung bleibt, werden echte Angriffsmuster gezeigt.

Aus einem natürlichen Selbstschutz heraus vermeiden unsere Hunde von sich aus, wann auch immer es geht, die direkte Konfrontation über aggressive Verhaltensweisen. Denn selbst im gehemmten Kampf mit dem Gegenüber können kleine Verletzungen entstehen, die möglicherweise früher ohne medizinische Versorgung zum Tod geführt hätten.

Wenn ein Hund also aggressiv reagiert, dann sieht er für sich keine andere Chance mehr, als sich in der Form zu verteidigen. Das passiert nur, wenn er die anderen Optionen nicht mehr hat, oder sie nie gelernt hat.

Ein junger Rüde steht an straffer Leine mit angespannter Körperhaltung vor einem weißen Terrier ebenfalls an straffer Leine und in angespannter Haltung
An der Leine ist die hündische Kommunikation stark eingeschränkt. Bei solchen Begegnungen wie hier kann es schnell zur Eskalation kommen.

Ein klassisches Beispiel hierfür ist die Leinenaggression. An der Leine ist der Hund in seiner Bewegung deutlich eingeschränkt. Er kann nicht so frei kommunizieren, wie er das ohne Leine tun würde. Flucht ist damit ausgeschlossen. Eine Spielaufforderung an der Leine klappt auch selten. Und die Übersprungshandlungen übersehen wir Menschen sehr oft, da sie ganz zu Beginn gezeigt werden und wir sie nicht mit einem Konflikt in Zusammenhang bringen. Dann schnüffelt der Hund ausgiebig am Boden und wird von Frauchen weitergezogen. Damit vermitteln wir dem Hund, dass auch diese Möglichkeit nicht erwünscht ist.

Wenn sich ein Hund also an der Leine bedroht fühlt, hat er aus seiner Sicht dann nur noch die Option, nach vorne zu gehen, um sich zu schützen.

Konflikte erkennen

Vielleicht hast du vor dem Lesen dieses Beitrages gedacht, euer Leben wäre konfliktfrei? Weit gefehlt! Konflikte gehören zu jedem Alltag immer wieder dazu. Wie du siehst, sind sie aber auch nichts dramatisches, wenn zwei Dinge gegeben sind:

  1. Dein Hund hat mehr Strategien gelernt, auf Konflikte zu reagieren als gleich zu beißen.
  2. Du erkennst, wenn dein Hund sich in einem Konflikt befindet und unterstützt ihn bei der Deeskalation.

Denn dann müssen sich aus Konflikten keine bedrohlichen Situationen entwickeln.


Das war ein Gastbeitrag von Sarah. Sarah ist Hundetrainerin und schreibt selber auf ihrer Webseite „Bothshunde“ über all die Themen, die Hundebesitzer so beschäftigen. Wer mit Sarah trainieren möchte, kann dies im wahren Leben oder auch in ihrer Online-Hundeschule beim Lieblingshund-Training tun.


Wie ist das bei Deinem Hund und Dir?

Wie geht ihr mit Konfliktsituationen um?

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Bildcredit: (c) eigene


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Über Gastautor 1 Artikel
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