Dominanz oder Unsicherheit – Was sagt das Verhalten über den Hund aus?

Viele Hundehalter interpretieren das Verhalten ihres Hundes als dominantes Verhalten. Dabei spricht vieles, was Menschen als dominant am Hund wahrnehmen, vielmehr für eine Unsicherheit beim Hund. Für den Umgang mit dem Hund ist Dominanz oder Unsicherheit ein wichtiger Unterschied, der sich anhand der Informationen in diesem kleinen Ratgeber gut erkennen lässt.

Wie kann ich Dominanz von Unsicherheit unterscheiden?

Nun zuerst einmal gibt es nicht „den dominanten Hund“. Die allgemeine Dominanztheorie ist veraltet und längst verschiedentlich widerlegt. Probleme, die Menschen mit „der Hund ist dominant“ beschreiben, sind in der Regel vielfältiger Natur: Aggression, Angst und die bereits erwähnte Unsicherheit. Zugrunde liegen dieser Problematik oftmals ein nicht adäquater Trainingsstand, ungenügendes Wissen um die Körpersprache des Hundes und darauf resultierende Überforderung von Mensch und Hund.

In diesem Beitrag wollen wir uns genauer damit auseinandersetzen, wie du Unsicherheit bei deinem Hund erkennen kannst.

Punkt 1: Wie benimmt sich der Hund im Konflikt?

Ein souveräner Hund ist keineswegs permanent mitten im Geschehen, um es zu dominieren. Eher steht er abseits und beobachtet. Muss ein Hund permanent in der Gruppe mitmischen, spricht das eher für einen unerfahreneren oder unsicheren Hund. Entsteht ein Konflikt in der Gruppe, geht ein souveräner Hund dazwischen und trennt die Kontrahenten. Auch Konflikte anderer Hunde mit ihm direkt klärt ein erfahrener Hund schnell und klar. Mitunter auch schlicht durch ein Verlassen der Situation. In Situationen an konkreten Ressourcen sprechen Experten von einer sozialen Dominanzbeziehung zwischen den Hunden.

Dominanz ist keine Charaktereigenschaft sondern entsteht in einer bestimmten Situation in innerartlicher Kommunikation über eine Ressource.
Dominanz ist keine Charaktereigenschaft, sondern entsteht in einer bestimmten Situation in innerartlicher Kommunikation über eine Ressource, die auch Platz sein kann.

Wenn ein Hund schnell aggressiv wird, permanent an andere Hunde ran will und sie auch besteigt, kann das eher für Unsicherheit sprechen. In der Pubertät wird dieses Verhalten gerade bei jungen Rüden auch stark von den Hormonen gesteuert. Allerdings spricht es auch dann für Unerfahrenheit und Unsicherheit. Das Besteigen ist eher selten sexuell orientiert, sondern öfter der Versuch, Stress abzubauen und keine Dominanzgeste.

Punkt 2: Wie verhält sich der Hund an der Leine?

Ziehen an der Leine spricht keineswegs für einen dominanten Hund. Es bedeutet oft einfach, dass der Hund das Verhalten an der Leine nicht gelernt hat oder in dem Moment zu abgelenkt ist, um sich entsprechend zu verhalten. Schecker erklärt, warum Hunde an der Leine ziehen und wie Halter ihrem Hund das entspannte Laufen an der Leine beibringen können. Dominanz oder Unsicherheit zeigen sich statt am Ziehen an der Leine nur am Verhalten anderen Hunden gegenüber. Denn für soziale Dominanzbeziehungen braucht es eine konkrete Ressource und einen weiteren Artgenossen.

Pöbeln an der Leine spricht bei Hunden in der Regel für Unsicherheit. Ein unsicherer Hund kläfft und springt teilweise in die Leine. Er fixiert den anderen Hund beim Näherkommen. Wer an dieser Stelle das vermeintliche Dominanzverhalten seines Hundes bearbeitet, trifft den Kern nicht. Denn ein pöbelnder Hund an der Leine ist keineswegs dominant, sondern anfangs eher verunsichert und geht deswegen nach vorne. Da das Problem (Hund, Radfahrer, …) sich entfernt, lernt der Hund mit der Zeit, dass dieses Verhalten Erfolg bringt. Würde er nun noch zusätzlich barsch zurechtgewiesen, beendet das keineswegs sein Problem. Es kann ein Teufelskreis entstehen, wenn Frauchen oder Herrchen angespannt sind und der Stress so bei allen verstärkt wird. Hier muss individuell geschaut werden, warum der Hund in dieser Situation so reagiert und adäquat trainiert werden.

Punkt 3: Wie laut ist der Hund?

Ein souveräner und erfahrener Hund ist ruhig. Grummeln bis Knurren sind bei ihm ausschließlich Reaktionen, wenn ein anderer Hund seine Grenze nicht einhält. Auch im Haus ist ein gelassener Hund keineswegs permanent zu hören. Je nach Art des Hundes kann er hier zwar anschlagen, aber auch das ist bei einem souveränen Hund kein andauerndes Gebell, sondern ein Anschlagen. Erst in Situationen der akuten Gefahr würde ein erfahrener, in sich ruhender Hund länger bellen.

Wenn ein Hund durch seine besondere Lautstärke auffällt, ist er oft unsicher. Unsichere Hunde versuchen andere Hunde von sich „wegzubellen“ bzw. haben noch nicht gelernt, was wirklich eine Gefahr ist.

Ein Hund steht mit einem ängstlichen Gesicht in einer offenen Wohnungstür
Ein unsicherer Hund neigt eher zum Wuffen als ein ausgeglichener.

Punkt 4: Wie bewegt sich der Hund?

An der Körpersprache deines Hundes kannst du erkennen, ob er im Moment dominant reagiert oder unsicher ist. Eine hochstehende Rute – je nach Hunderasse unterschiedlich hoch – und durchgedrückte Beine sprechen für einen in dieser speziellen Situation dominanten Hund. Geduckte Hunde, eingeklemmte Rute und eventuell noch eine Bürste sprechen für einen verängstigten Hund. Ein unsicherer Hund hat oftmals geweitete Augen und ist im Umgang überdreht oder zurückhaltend.

Wie dein Hund Dominanz bzw. Souveränität, Unsicherheit oder Angst ausdrückt, lernst du nur durch intensives Beobachten in verschiedenen Situationen und indem du hündisch lernst.

Dominanz bedeutet nicht Aggression

Oft wird Dominanz bei einem Hund mit Aggression gleichgesetzt. Dabei sind dies verschiedene Sachen. Die sogenannte und mittlerweile widerlegte Dominanztheorie stammt aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Ursprünglich beschäftigte sich ein Zoologe hier mit dem Sozialverhalten von Hühnern. Da seine Erkenntnisse jedoch für viele Tierarten passend schienen, wurde die Essenz auf alle anderen Tiere und ihr Verhalten in Gruppen übertragen. Diese lautet:

  • Sozial strukturierte Gruppen haben ein Alphatier. Dieses agiert in jeder Situation als Anführer und fordert durch Dominanz die Unterwürfigkeit der anderen ein.

Neuere Forschungen in Hundegruppen und Wolfsrudeln widerlegen diese These jedoch. Statt einer starren Hierarchie und einem allmächtigen Alphatier sind je nach Situation unterschiedliche Tiere dominant.

Tiere, die regelmäßig mit denselben Artgenossen um Ressourcen (soziale Zuwendung, Futter, Liegeplätze, Sexualpartner etc.) konkurrieren, können untereinander Dominanzbeziehungen ausbilden. Soziale Dominanz ist ein Aspekt einer sozialen innerartlichen Beziehung!

Dr. Ute Blaschke-Berthold

Sozialisierung wichtig

Oft wird noch immer von einem Alphahund gesprochen und vom Menschen, der vom Hund als Alpha anerkannt werden muss. Ist der Hund ungehorsam, will er dominieren und das Rudel anführen. Das Anti-Dominanz- oder Rangreduktions-Training gehörte lange in vielen Hundeschulen zum guten Ton. Der Hund sollte unterworfen werden und im Alltag sollte der Hundehalter seine Macht demonstrieren, indem er beispielsweise zuerst durch die Türen geht oder der Hund keine erhöhten Sitzpositionen einnehmen darf. Allerdings wollen Hunde keineswegs die Herrschaft an sich reißen. Sie brauchen Sicherheit und Führung durch konsequente und verlässliche Menschen, die ihnen viele Erfahrungen bieten und Signale wie Beschwichtigungssignale des Hundes lesen können. Der Mensch sollte bei seinem Hund Signale der Überforderung lesen und entsprechend reagieren können. Gerade aufgeregte Junghunde brauchen Pausen und Hilfe beim Regulieren.

Ein junger Rüde steht an straffer Leine mit angespannter Körperhaltung vor einem weißen Terrier ebenfalls an straffer Leine und in angespannter Haltung
Junge Hunde dürfen in Ruhe lernen, ohne Unsicherheit auf Artgenossen zu treffen.

Signale lernen

Jeder Hund braucht eine gewisse Zeit, bis er ein Signal richtig verstanden hat. Mancher braucht länger, mancher lernt schneller. Das liegt zum einen am Charakter des Vierbeiners, zum anderen an der Trainingserfahrung des Menschen.

Wird etwas nicht richtig ausgeführt, weiß der Hund vermutlich nicht, was er machen soll. Der Hund achtet beim Menschen nicht nur auf die Sprache, sondern vor allem auf das Zusammenspiel von Gestik, Mimik und Körperhaltung. Wer in der Hundeerziehung schnell Erfolg haben will, arbeitet mehr an sich und einer eindeutigen Körpersprache als an seinem Vierbeiner. Beim Rückruf sollte nicht nur das entsprechende Wortsignal gerufen werden, sondern auch die Tonhöhe und Körpersprache sollten einladend sein. Sobald der Hund das Kommando korrekt ausführt, wird er immer belohnt. Diese Belohnung muss direkt erfolgen, damit der Hund Signal, Verhalten und Belohnung entsprechend verknüpft und an die hündischen Bedürfnisse angepasst sein.

Souveräne Begleitung

Bei all dem spielt auch das Alter des Hundes eine große Rolle. Ob ein Hund dominant agiert, hat viel mit Souveränität zu tun. Diese kann ein Hund erst mit einem gewissen Erfahrungsschatz gewinnen. Unsicherheit gehört also gerade bei jüngeren Hunden dazu. Am Ende spielen auch immer Temperament und rassetypische Eigenschaften mit hinein. Ein geduldiger, gut informierter Mensch an der Leine helfen dem Hund jedoch immer, seine Unsicherheit zu überwinden und souveräner zu agieren.

Wie ist das bei Dir?

Denkst Du, Dein Hund wäre dominant?

Kannst Du erkennen, wann er unsicher ist?

Wir freuen uns wie immer über jeden Kommentar.

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(c) haustiermagazin.com

1 Gedanke zu „Dominanz oder Unsicherheit – Was sagt das Verhalten über den Hund aus?“

  1. Guten Tag, ich bin von der Idee absolut begeistert, Gefängnisinsassen Hunden aus Tierheimen zu schenken.
    In einem Bericht im Fernsehen in der Sendung w wie wissen wurde über die großen Erfolge in den USA berichtet

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