Was ist eigentlich Tierarzttraining?

Tierarzttraining: Kleiner heller Mischling sitzt auf der Untersuchungsliege beim Tierarzt
Tierarzttraining sollte fester Bestandteil eures Alltags sein

Jeder Hundebesitzer möchte am liebsten einen gesunden, fitten Hund haben. Doch der Gang zum Tierarzt gehört im Leben eines Vierbeines unvermeidlich dazu. Sei es, dass er geimpft werden muss, sich verletzt hat oder unter einer Erkrankung leidet – dein Hund wird früher oder später damit konfrontiert werden, sich untersuchen und behandeln zu lassen. Was genau Tierarzttraining bedeutet und wieso es fester Bestandteil eures gemeinsamen Alltags sein sollte, das erfährst du in diesem Artikel.

Warum dein Hund euren Tierarzt mögen sollte

Wir Menschen neigen dazu, viel von unseren tierischen Freunden zu verlangen und setzen sie oft Situationen aus, die für sie beängstigend oder bedrohlich sind. Zu solchen verängstigenden Situationen zählt auch der Besuch beim Tierarzt, wie jeder bestätigen wird, der selber Angst vor dem Zahnarzt hat.

Wenn sich dein Hund bei der Untersuchung ruhig verhält, vereinfacht das die Prozedur für alle Beteiligten erheblich. Lässt er sich jedoch nicht anfassen, weil er Angst hat oder aggressiv reagiert, verursacht das ein echtes Problem. Umso wichtiger ist es, mit deinem Vierbeiner Tierarzttraining zu machen und ihn bestmöglich vorzubereiten – am besten, bevor er Probleme mit den Untersuchungen hat. Denn dann überwindet er es auch leichter, wenn ihm der Tierarzt dann doch einmal weh tun muss.

Bei alten Hunden kann ein regelmäßiger Bluttest nötig sein

Was genau ist Tierarzttraininig?

Tierarzttraining wird manchmal auch als Medical Training – medizinisches Training – bezeichnet. Dieser Begriff erklärt bereits recht deutlich, worum es dabei geht. Einerseits soll dein Hund auf den Besuch beim Tierarzt vorbereitet werden, andererseits soll er lernen, sich behandeln zu lassen. Das setzt voraus, dass er sich anfassen lässt und sich dabei ruhig verhält. So eine Behandlung muss nicht zwingend von einem Tierarzt durchgeführt werden. Es kann schließlich auch sein, dass du ihm selbst Medikamente verabreichen musst, zum Beispiel Augen- oder Ohrentropfen. Wenn dein Hund dabei jedes Mal ein totales Theater veranstaltet, bedeutet das für euch beide großen Stress.

Damit solche Sachen möglichst gut funktionieren, musst du sie mit deinem Hund rechtzeitig üben und zwar nicht erst, wenn die Situation eingetroffen ist und er behandelt werden muss.

Nicht jeder Hund findet es klasse, angefasst zu werden – weder von seinem Besitzer und schon gar nicht von Fremden. Wie unangenehm sich eine Berührung anfühlen kann, das weißt du bestimmt aus eigener Erfahrung. Du möchtest wahrscheinlich auch nicht von einer Person angefasst werden, die du nicht kennst. Wenn du jedoch zu einem Arzt gehst, weißt du, warum er das macht. Dennoch sind einige Berührungen unangenehm oder sogar schmerzhaft.

zwei gegenüberstehende Hunde fletschen die Zähne
Ein Hund kann sich bei einer Beißerei verletzen

Nun stell dir vor, was das für einen Hund bedeutet. Eine fremder Mensch drückt ihm einen seltsamen Gegenstand auf den Körper, um ihn abzuhören. Er piekst ihn, um im Blut abzunehmen oder zu impfen. Er drückt an einer Wunde herum und fügt ihm dabei eventuell Schmerzen zu. Er schaut ihm mit komischen Geräten in die Augen oder Ohren. Und dein Hund weiß nicht, dass er dies nur tut, um ihm zu helfen.

Wenn du Glück hast, lässt dein Vierbeiner trotzdem all das mit sich machen. Nur weil er sich ruhig verhält, heißt das aber nicht, dass er das toll findet. Ruhiges Verhalten kann auch ein Zeichen dafür sein, dass dein Hund wie erstarrt ist und Angst hat. Irgendwann könnte diese Angst dann so stark werden, dass sich dein Hund doch wehrt. Daher ist es besser, auch hier von Anfang an dagegen zu steuern.

Andere Hunde lassen es gar nicht erst soweit kommen, dass sie angefasst werden. Trotz Leine und Maulkorb versuchen sie der Situation zu entkommen, winden sich wie ein Aal oder schnappen sogar zu. All das kann eine Untersuchung komplett verhindern und im schlimmsten Fall die Gesundheit deines Hundes gefährden.

Aufgezogene Spritze vor einem Hund beim Tierarzt
Manche Behandlungen sind für deinen Hund mit Schmerzen verbunden.

Das Motto „Augen zu und durch“ kann gutgehen. Es kann aber auch dazu führen, dass dein Hund immer mehr Angst vorm Tierarzt entwickelt und sich irgendwann gar nicht mehr behandeln lässt oder die Arztpraxis nicht einmal mehr betritt.

Wie funktioniert Tierarzttraining

Im Grunde ist das Tierarzttraining ganz einfach. Du bringst deinem Hund bei, sich auf Signal anfassen zu lassen und verknüpfst dies mit etwas Angenehmen.

Ideal wäre es, wenn das Tierarzttraining bereits beim Züchter begonnen würde. Neben der Aufzucht der Rasselbande wäre es wünschenswert, das gezielte Berühren verschiedener Körperteile mit jedem Welpen zu üben. Schließlich werden die kleinen Racker im zarten Alter von wenigen Wochen zum ersten Mal untersucht und geimpft. Solange sie so winzig sind, ist das selten ein Problem. In dieser Größe lassen sie sich noch gut händeln. Nur weil sie so klein sind, sollte das aber kein Grund sein, sie einfach dieser Situation auszusetzen. Die ersten Untersuchungen beim Tierarzt sollten möglichst in aller Ruhe und mit viel Geduld geschehen und unbedingt mit etwas Positivem verbunden werden.

Neu geborene Yorkshire Terrier passen problemlos in eine Hand.
Mit dem Tierarzttraining sollte schon beim Welpen begonnen werden

Anders sieht es aus, wenn du deinen Hund aus dem Tierschutz übernimmst. Manche Vierbeiner haben im Laufe ihres Lebens bereits sehr schlechte Erfahrungen gesammelt. Sie haben große Angst vor Menschen entwickelt oder reagieren auf sie aggressiv. Mit so einem Hund wirst du im Alltag schon genügend Dinge üben müssen. Zwar ist es gerade bei diesen Hunden umso notwendiger, das Anfassen zu üben. Gleichzeitig kannst du an sie nicht die gleichen Erwartungen stellen, wie an einen Vierbeiner, der gut behütet aufgewachsen ist.

Tierarttraining aus Sicht eines Arztes

Der Tierarzt Dr. Rückert hat erst neulich einen Beitrag dazu veröffentlicht, welche Wünsche er an die Hundehalter und ihre Vierbeiner hätte. Ihm ist dabei bewusst, dass dies der Idealzustand wäre, den keinesfalls alle Hunde erfüllen können.

Zu den Dingen, die er sich wünscht, zählen zum Beispiel diese hier:

  • Eine gute Bindung.
    Dein Hund sollte dir überall hin vertrauensvoll folgen.
  • Beißhemmung.
    Dein Hund hat kein Recht, nach Menschen zu schnappen oder sie zu beißen.
  • Maulkorb-Training und/oder das Tragen eines Leckschutzes.
  • Fiebermessen
  • Das Geben von Medikamenten
Herrchen öffnet das Maul seines Hundes zum Zahncheck
Ein Hund sollte sich ins Maul schauen lassen.

In einigen Punkten stimme ich ihm absolut zu. Es macht Sinn deinem Hund beizubringen, dass er sich ins Maul, in die Ohren oder zwischen die Pfoten schauen lässt. Es macht auch Sinn mit ihm zu üben, dass er sich Fieber messen oder Medikamente geben lässt. Diese Dinge lassen sich recht gut üben.
Andere Punkte lassen sich jedoch nicht so einfach umsetzen. Welche das sind, erfährst du im nächsten Abschnitt.

Tierarzttraining aus Sicht des Hundehalters

Natürlich sollte ein Hund über Beißhemmung verfügen. Natürlich wäre es perfekt, wenn er sich ohne Zappeln tragen lassen würde oder minutenlang in Rückenlage auf dem Tisch liegen bleibt. Natürlich wäre es erstrebenswert, wenn dein Hund keine Trennungsangst hat und sich auch ohne deine Anwesenheit untersuchen lässt. All diese Dinge wären ideal, lassen sich aber nicht mal gerade so trainieren.

Gerade wenn du einen schwierigen Hund hast, der bereits sehr schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht hat, wirst du diesen Ansprüchen kaum gerecht werden können. Hier kann es schon ein grandioser Erfolg sein, wenn sich dein Vierbeiner einen Maulkorb anziehen und sich anfassen lässt. Und wie möchtest du das Hochheben deines Hundes trainieren, wenn dieser fast so viel wiegt wie du selbst? Dies ist schlicht unmöglich.

Eine Dogge schläft auf einem Sofa
Eine Deutsche Dogge kannst du nicht einfach mal hochheben

Auch der Punkt Bindung ist so eine Sache. Wenn du deinen Hund gerade frisch übernommen hast, dann habt ihr noch keine Bindung. Häufig stehen aber gerade am Anfang einige Tierarztbesuche an, zum Beispiel um deinen neuen Mitbewohner gründlich durchchecken zu lassen oder ihn zu impfen. An diesem Punkt beißt sich somit die Katze in den Schwanz. Dein Hund wird ins kalte Wasser geworfen – ohne Bindung und Vertrauen.

Die Ansprüche des Tierarztes kann ich theoretisch absolut nachvollziehen. Ich selbst habe bei einer Tierärztin gearbeitet und weiß somit, wie schwierig die Behandlung eines Hundes sein kann. Dennoch sehe die Wunschliste des Tierarztes aus Sicht des Hundehalters kritisch. Diese beinhaltet nämlich nicht, dass auch der Tierarzt selber dazu beiträgt, wie ein Hund den Besuch bei ihm erlebt.

Aus Sicht des Hundehalters würde ich mir wünschen, dass Tierärzte nicht nur medizinisch, sondern auch in Bezug auf das Verhalten eines Hundes auf dem neuesten Stand sind. Ich würde mir wünschen, dass ich als Halter nicht zu hören bekomme „da muss er jetzt durch“ oder „der muss sich das gefallen lassen“, sondern auf verständnisvolles Personal treffe.

Je wohler sich dein Hund beim Tierarzt fühlt, umso besser ist es für alle Seiten

Ich würde mir wünschen, dass in den Praxen spezielle Zeiten angeboten werden, in denen ich mit meinem Hund dort zum Üben vorbeikommen kann. Viele Hunde würden sich beim Tierarzt deutlich wohler fühlen, wenn sie mit ihrer Angst oder Aggression ernst genommen würden.

Ein guter Tierarzt zeichnet sich nicht nur durch Fachwissen, sondern vor allem durch Empathie aus – für die Tierbesitzer und seine Patienten.

So startest du dein Tierarzttraining

Egal ob du einen Welpen vom Züchter oder einen ausgewachsenen Hund aus dem Tierschutz bekommst. Der Alltag ist für die meisten Hundebesitzer schon Herausforderung genug. Den Vierbeiner stubenrein bekommen, Leinenführigkeit üben, den Rückruf trainieren, das Alleinbleiben lernen und und und … meist sind die gemeinsamen Tage schon voll genug. Und dann auch noch Tierarzttraining machen? Vielleicht weißt du gar nicht, wann du das noch in deinen Alltag einbauen sollst.

Das kenne ich aus der eigenen Erfahrung nur zu gut. Mit drei Hunden sind meine Tage in der Regel gut ausgelastet. Sachen wie Tierarzttraining geraten da gerne in Vergessenheit. Und doch gebe ich zu, dass ich es einbauen könnte. Es scheitert einzig und alleine daran, dass ich es oftmals vergesse.

Auch das Tragen eines Kragens kann geübt werden

Dabei bedeutet Tierarzttraining keinen großen Aufwand. Du brauchst nicht mehr als deinen Hund, ein paar Leckerlies und dich selbst. Schließlich findest du ja bestimmt auch Zeit, um deinen Vierbeiner zu streicheln oder mit ihm zu kuscheln. Da lässt sich das gezielte Berühren, das Untersuchen von Pfoten, Zähnen, Ohren, Augen bestens einbauen. Wenn du dreimal in der Woche nur fünf Minuten übst, ist das weitaus besser als gar nichts und erspart euch vielleicht schon schlechte Erfahrungen zu machen.

Fazit

Deinen Hund auf Untersuchungen und Behandlungen vorzubereiten, halte ich für äußerst wichtig. Damit erleichterst du nicht nur ihm, sondern auch dir das Leben. Auch wenn die Wunschliste aus Sicht des Tierarztes ziemlich lang aussieht, brauchst du dich dadurch nicht verunsichern zu lassen. Natürlich wäre es klasse, wenn ein Vierbeiner all diesen Wünschen gerecht werden würde. Diese hohen Ansprüchen können aber wahrscheinlich nur wenige Hunde erfüllen. Baue das Tierarzttraining möglichst regelmäßig für wenige Minuten in deinen Alltag ein. Und denke immer daran: gelassen geht es leichter. Das gilt auch für die Besuche beim Arzt. Und vielleicht schafft ihr ein Stück Gelassenheit bereits durch einen gut trainierten Maulkorb.

Hat dir der Inhalt gefallen oder weitergeholfen? Vielleicht kannst du damit auch einem Freund oder einer Freundin helfen. Teile Ihn einfach mit den Buttons in einem sozialen Netzwerk. Für uns ist das wie Applaus für unsere Arbeit. 🙂

Bildcredit: (c) acfrank - Fotolia.com


Wir freuen uns, wenn du unseren Beitrag bewertest:

1 Star2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (No Ratings Yet)
Loading...

Tipps, Hilfe und Schnäppchen für dein Tier per E-Mail

Wir haben einen kostenlosen Info-Brief per E-Mail eingerichtet. Du bekommst:

  • wertvolle Tipps und Hilfe für dich und deinen Liebling
  • Infos bei richtig guten Schnäppchen
  • Infos, die es nicht hier zu lesen gibt

Wir schicken dir maximal zwei Mails im Monat und keinen Spam, versprochen! Wir geben deine Daten auch nicht weiter.

Ja, ich möchte den kostenfreien Info-Brief per E-Mail abonnieren. Den Datenschutzhinweis habe ich zur Kenntnis genommen. Ich willige ein, E-Mails mit Informationen und Angeboten über Haustiere zu erhalten.

Das ganze ist 100% kostenlos und du kannst dich jederzeit mit nur einem Klick abmelden!

Über Nima 46 Artikel
Ich bin Nima und lebe zusammen mit drei liebenswerten Hunde-Mädels. Als ausgebildete Hundetrainerin liegt mir ein respektvoller Umgang mit unseren Vierbeinern sehr am Herzen.

2 Kommentare

  1. Hallo,

    es ist tatsächlich ein Kreuz mit den Hunde-Katzenhaltern. Bin oft bei meiner Freundin in der Tierarztpraxis und ich weiß nicht, wie oft ich schon den Satz hörte: „Das macht er/ sie sonst nie!!!“ Und wenn die TA dann mal etwas beherzter zugreift, sind die Leute auch noch entsetzt. Eigentlich schade, dass einige Halter hier so gar kein Feeling haben…denn der Tierarztbesuch bietet nun mal nicht die gewohnte Umgebung. Von daher ist ein wie hier beschriebenes Tierarztraining eigentlich für jeden Hundehalter Pflicht. Zumindest sollte doch gleich von Beginn an mit einem Maulkorb gearbeitet werden, das erleichtert dem TA seinen Job außerordentlich. ich selbst habe drei kleine Hunde, einer davon traue ich nicht über den Weg. Sie bekommt natürlich immer einen Maulkorb an, wenn sie zum Doc muss. das finde ich eine Selbstverständlichkeit, denn kein TA hat es „verdient“, gebissen und dann auch noch von den Besitzern „angemacht“ zu werden. Aber so sind die Leute oft. Aber – selbstverständlich gibt es auch zuhauf vernünftige Hundefreunde – keine Frage!

    • Hallo,

      nun ja, Du schreibst es ja selber: ein Tierarztbesuch bietet nun einmal keine gewohnte Umgebung und damit in der Regel auch keine gewohnten Verhaltensweisen. Insofern werden viele Hunde- und Katzenbesitzer Recht haben, wenn sie sagen, das hätte der Liebling noch nie gemacht.
      So schön, wie es wäre, wenn jeder Hundehalter Medical Training anwendet, so schön wäre es auch, wenn jeder Tierarzt sich mit Hundeverhalten auskennen würde und eben Tierarzttraining anbieten oder fördern würde. Denn genau wie unerfahrene und/oder uneinsichtige Hundebesitzer gibt es auch ungeschulte und/oder uneinsichtige Tierärzte. Davon können wir leider ein Lied singen und haben nun einen 40 kg zarten Hund mit ausgeprägter Angstaggression vor und bei Tierärzten. Da hilft auch kein Maulkorb mehr!
      Glücklicherweise gibt es aber Medical Training und neben verantwortungsbewussten Hundebesitzern auch Tierverhalten-geschulte Tierärzte 🙂

      Liebe Grüße
      Steffi

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*